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Vladimir Sorokin. Aus Hilfe wird Rettung
von Florian Jäger

Vladimir Sorokin, „Morgen nach dem Schneesturm Nr. 2“, 2026, neben Blättern der Reihe „Puschkin, hilf mir!“ in der Taiga Gallery. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026
Ein roter Fuchs trabt durch blaugrauen Schnee und trägt ein kleines Pferd zwischen den Zähnen. Das Pferdchen reißt das Maul auf. Hinter ihm steckt ein Gefährt mit zwei runden Scheinwerfern im Schneehang fest, auf dem Dach dicht gedrängt kleine dunkle Tiere. Dieselbe Arbeit ist auf dem Saalzettel abgebildet: „Morgen nach dem Schneesturm Nr. 2“, 2026, Druck auf Leinwand, 167 × 120 cm. Sie hängt in der Taiga Gallery in der Markgrafenstraße, wo seit dem 9. September Vladimir Sorokins „Der Schneesturm“ zu sehen ist. Die Ausstellung teilt die Arbeit sauber auf. Die großen Leinwände erzählen, auf den kleinen Blättern geht es um Sprache, und dort kann man ihr sogar dabei zusehen, wie sie sich korrigiert.
Die Saalzettel liegen auf Deutsch, Englisch und Russisch aus und sagen ausdrücklich, dass die Serie kein Buch illustriert. Text und Bild hätten sich parallel entwickelt. Die Hängung bestätigt das, denn sie folgt einem einzigen Prinzip. Große ungerahmte Leinwände hängen einzeln, gegen sie stehen streng gerasterte Gruppen kleiner gerahmter Papierarbeiten, zu viert, zu sechst und zu acht, immer in zwei Reihen, die Schilder darunter in Doppelspalten. Der Raum ist hoch und weiß, der Boden geglätteter Beton, das Licht kommt aus Spots an schwarzen Stromschienen, und eine freistehende Stellwand erzeugt eine zweite Blickachse. Mitten im Raum steht ein rollbares Möbel mit Holzplatte auf schwarzem Gestell, Infotresen und Bar in einem. Darauf liegt eine handgeschriebene Getränkekarte.
Gleichzeitig lief der Stoff auf der Bühne. Der Spielplan der Komischen Oper führt „Der Schneesturm“ vom 10. bis 13. September im Großen Saal des Schillertheaters, als Gastspiel im Festival Kirill & Friends. Regie, Bühne und Kostüme stammen von Kirill Serebrennikov, die Musik von Alexander Manotskov.
An anderer Wand hängt ein sehr breites Nachtpanorama: tiefblauer Himmel mit rosa gerändertem Gewölk und Vollmond, darunter ein rosa schimmerndes Schneefeld, ein Schlitten mit zwei eng zusammensitzenden Figuren in Pelzmützen, vorn im Schlitten dicht gedrängt kleine Pferde, davor sechs graue Wölfe oder Hunde, die frei über den Schnee laufen. Der Schlitten hat dieselben runden Scheinwerfer wie das Gefährt im Fuchsbild. Zusammen gelesen ergeben die beiden Leinwände die Nacht und den Morgen danach: erst die Fahrt, dann das Steckenbleiben, und ein Fuchs trägt eines der kleinen Pferde davon. Dazu kommt ein hochformatiges Interieur, dunkel, mit Ikone und Tierschädel an der Wand, im Bett eine rauchende Frauenfigur in weißem Hemd, neben ihr eine kleine Männerfigur in roten Stiefeln. Jede dieser Leinwände ließe sich nacherzählen.
Auf den Blättern spielt die Sprache. Alle haben dasselbe Format, 55 × 38 cm, Papier, Acryl und Tusche, alle sind von 2026. Die meisten zeigen flache Schneelandschaften mit Hütten, Zaun und Gebüsch, links oben einen gelben Schädel, wo sonst die Sonne stünde, am rechten Blattrand einen Profilkopf in feiner Linie, unverkennbar Puschkin mit Locken. Auf einigen anderen Blättern werden Köpfe zu schnabelartigen Linienfiguren, und von der Landschaft bleibt nur ein Horizontstreifen. Quer durch die Landschaft steht, von Hand geschrieben, immer dieselbe Anrufung, an einen Dichter gerichtet wie an einen Heiligen, und über ihm steht ein Totenkopf als Sonne. Einmal „Пушкинъ помоги!“, Puschkin, hilf mir. Einmal „Пушкинъ спаси!“, Puschkin, rette uns. Und einmal erweitert, „Пушкинъ спаси нас от нас“, sinngemäß: rette uns vor uns selbst.
Die Schilder machen daraus zwei Reihen, „Puschkin, hilf mir!“ und „Puschkin, rette uns!“, und hier wird es interessant. Format, Technik und Jahr sind gleich, am Schild unterscheiden sich die Reihen nur im Wortlaut der Bitte. Auf dem Papier unterscheiden sie sich etwas mehr. Die Blätter der Reihe „Puschkin, rette uns!“ hängen in hellen Rahmen, die der Reihe „Puschkin, hilf mir!“ in dunklen, das Blau ist bei den hellen dichter, der Sturm füllt mehr vom Blatt. Und auf mindestens zwei der hell gerahmten steht „спаси“ über ein „помоги“ geschrieben, auf einem dritten in Rot über einem derben Fluch. Mitunter ist die Rettung hier also eine korrigierte Hilfe, als hätte jemand beim zweiten Ansatz um mehr gebeten.
Als Ausstellung hält „Der Schneesturm“, was der Saalzettel verspricht. Bild und Text laufen parallel, und durch die strenge Hängung sieht man sofort, wo erzählt und wo angerufen wird. Die stärkste Zeile der Ausstellung ist deshalb keine gemalte, sondern eine durchgestrichene: Aus „помоги“ wird „спаси“, aus der Bitte um Hilfe die um Rettung.
Vladimir Sorokin: „Der Schneesturm“. Taiga Gallery, Markgrafenstraße 68, bis 9. November.
Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.
Impressionen

