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Rundgang. Das stärkste Exponat ist ein Schatten
von Florian Jäger

Die erste Station: umgenutzte Etage mit Mauerpfeiler und Rippendecke, Berlin Art Week. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026
Über eine lange weiße Wand fällt der diagonale Schatten eines Fensterkreuzes, und daneben hängen Platten, halb deckend bemalt, halb spiegelnd. Am Sonntag, dem letzten Tag der Berlin Art Week, gehörten drei Stationen des Rundgangs zu den interessanteren des Tages, und jede geht anders mit ihrem Raum um.
Die erste Station liegt in der Lindenstraße, auf dem Weg von Persons Projects zu Soy Capitán: eine umgenutzte Etage, keine gebaute Galerie. Ein tragender Mauerpfeiler, weiß gestrichen, steht mitten im Raum, die Elektroinstallation liegt offen darauf. Unter der Rippendecke hängen Leuchtstoffröhren in Reihen, an einer Wand auf Kopfhöhe eine Haussprechanlage mit Hörer und kleinem Display, knapp über dem Boden eine Doppelsteckdose. Der Boden ist geschliffener Beton mit sichtbaren Fugen. Eine schwere Stahltreppe kommt von einer unteren Ebene herauf und endet in einer Bodenöffnung mit schwarzem Stabgeländer. Auf derselben Etage wie der Pfeiler sitzt ein modernes weißes Doppelflügelfenster über einem feststehenden Glasfeld, dahinter Baumgrün. Auf der unteren Ebene steht eine große Spiegelskulptur auf einem mintgrünen Rundsockel. Der Raum hat Tageslicht, und die Arbeiten nutzen es.
Die gewellten, gebogenen Platten hängen auf sichtbaren Metallstiften von der Wand ab und werfen Schatten. Eine Hälfte ist deckend, etwa in Dunkelviolett oder Grün, die andere spiegelt, mit landschaftsartigen Schlieren. Diese Malerei öffnet sich zum Objekt hin und zeigt nie nur sich selbst. Der Spiegel nimmt den Raum auf, und durch den Abstand zur Wand wird der Schatten Teil des Bildes. Das stärkste Exponat an der langen weißen Wand ist deshalb der diagonale Schatten eines Fensterkreuzes, obwohl er gar kein Werk ist. Er gehört zur selben Sache.
Auf einer grauen Tischplatte über einem hölzernen Sockel liegen kleine Objekte auf grauen Filzplatten aus wie Muster: ein gegossenes Glastablett in Türkis, deckend mit dem Pinsel bemalte violette Blöcke, ein flacher, silbern spiegelnder Teller mit Wirbelrelief, gelbe Bogenformen vor rosa Glas, dazu eine kleine Spiegeltafel, halb bemalt wie die großen an der Wand. Der Tisch liest sich wie ein Musterbuch für die Platten. Ein großes Hartkant-Gemälde hinter Glas ordnet große Flächen in Orangerot, Blau, Grau, Braunrot, Gelb bis Ocker und Türkis, ein Achteck mit Wolkenhimmel und schwarze Balken, die ein I-Profil bilden, zu etwas, das wie ein gemalter Grundriss aussieht, passend für eine Etage, die für etwas anderes gebaut wurde. Ein Kastenrahmen aus Sperrholz hält eine rosa-rote Säulenform, daneben graue und weiße Teile, und ist so roh wie das Haus.
Die zweite Station, an der Rudi-Dutschke-Straße, ist das Gegenteil: ein großer weißer Saal mit Deckenunterzügen, zwei Stützen und breiten Durchgängen, dunkelgrauer glänzender Gussboden, eine lange Leuchtstoffleiste an der Deckenkante. Darin hängen, weit gestreut und alle auf gleicher Höhe, mindestens elf kleinformatige Bilder in tiefen weißen Kastenrahmen. Zwei halten den Blick: ein blühender Baum auf grüner Wiese, klar und fast heiter, und ein dunkles Querformat mit Trümmern, das dieselbe zurückhaltende Malweise auf etwas Zerstörtes richtet. Die übrigen zeigen ein Gehöft an einer Straße, eine Küste, Zweige vor kräftigem Blau, ein Interieur mit einer Figur im Gegenlicht und eine ganz in ein Tuch gehüllte, kauernde Figur in kahler Landschaft, und zwei schmale Hochformate hängen nebeneinander. Die Farben sind gedeckt, und zwischen den ruhig gehängten Bildern bleibt sehr viel Wand. Das ist sorgfältig und ein wenig zu höflich, denn die tiefen Rahmen und die großen Abstände schützen die kleinen Bilder, halten einen aber auch auf Distanz.
Bei der dritten Station, an der Leipziger Straße, reicht die Farbe bis in den Boden. Große, frei konturierte Wandobjekte, über zweieinhalb Meter hoch, sind aufgebaut wie ein angeschnittener Achat: konzentrische Ringe in Magenta, Hellblau, Orange und Ocker, der Rand krustig, beim Objekt über Eck moosgrün, bei den beiden anderen schwarz-dunkelblau und violett-rosa. Darüber läuft ein breit gemalter schwarzer Linienzug, der eine tierartige Form mit gelb akzentuierten Augen zeichnet und von mosaikartigen bunten Fragmenten gesäumt ist, und auf das Objekt sind kleine Zeichnungen in klaren Acrylkästen montiert. Eines der Objekte ist über eine Raumecke hinweg geknickt, ein anderes hat ein gesichtsartiges Zentrum mit Augenhöhlen und Zähnen, und der Boden ist vollständig mit einer marmorierten Arbeit in Rot, Blau und Rosa belegt, die die Farben der Wand nach unten weiterführt. Wer in den Raum tritt, steht auf der Fortsetzung der Wandbilder. Es ist der lauteste der drei Räume, und vor dem Achat kann man kaum entscheiden, ob die kleinen Zeichnungen in ihren Kästen mehr sind als Beiwerk.
Jeder der drei Räume hält es anders. Im ersten dürfen Licht und Spiegel arbeiten, der zweite hält Abstand, und der dritte überschwemmt einen. Am meisten gibt der erste her, weil es dort den Arbeiten wie dem Gebäude um dasselbe geht, um das, was Licht mit einer Oberfläche macht. Wenn dort ein Fensterschatten neben den Platten bestehen kann, spricht das für die Sorgfalt, mit der sie gehängt sind.
Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.
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