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Rebecca Brodskis. Kein Blick trifft einen anderen
von Florian Jäger

Rebecca Brodskis, „The Last Ones Awake“, im Vault von St. Agnes: drei Leinwände mit gestapelten Köpfen an der langen Wand. Foto: Florian Jäger, 12. September 2026
Zwei Köpfe mit rosa Haarkranz lehnen vor rot-orangem Grund aneinander, eine Hand liegt am Kinn der anderen Figur. Deutlicher lässt sich Nähe kaum malen, und doch treffen sich die Blicke nicht. Das Bild hängt allein auf einer weißen Wand neben dem Schriftzug mit Namen und Titel und gibt die Regel für die ganze Ausstellung vor: Auf den größeren Leinwänden von Rebecca Brodskis ist niemand allein, und kein Blick trifft einen anderen. „The Last Ones Awake“ hängt seit dem 9. September im Vault von St. Agnes in Kreuzberg.
Die ehemalige Kirche aus den sechziger Jahren wird seit Mai 2015 von der König Galerie genutzt. Der Vault ist der niedrige Raum mit den Betonstützen mitten im Grundriss, mit weißen Wänden, Sichtbeton an Stützen und Decke, Schienenstrahlern und geschliffenem Boden. Eröffnet wurde am 8. September zur Berlin Art Week, mit einer Performance der Tänzerin Aurora.
An der langen Wand hängen drei Bilder nebeneinander, auf jeder Leinwand drei Köpfe, schräg ineinandergeschoben wie Karten, die jemand auffächert. Die eine Figur sieht nach oben aus dem Bild, die zweite nach rechts an der ersten vorbei, die dritte hat die Augen halb geschlossen. Auch den Betrachter fixiert kaum jemand. Die Haare sind fast flache schwarze Flächen mit feinen hellen Strähnen, die Kleidung Orange und Gelb, der Grund Blassgrün bis Türkis oder Orange. An der Stirnwand hängt ein kleineres viertes Bild vor gelbem Grund, ein seitlich liegendes Gesicht mit einer Hand am Mund. Nebeneinander verlieren die drei großen etwas. Das Schema der diagonal gestapelten Köpfe hat man schnell erkannt, und beim dritten Bild sieht man eher das Verfahren als die Leute.
Die Frau in gelber Robe steht vor einer hellen Scheibe und spitzen grünen Blättern, das Haar ein heller Lockenkranz. Sie gehört zu den wenigen Figuren, die fast geradeaus aus dem Bild sehen. Hinter ihrer Schulter taucht ein zweites Gesicht halb auf, mit schwerem Lid, halb hinter einem Blatt. Auch dieses Gesicht sieht aus dem Bild heraus, einander sehen die beiden nicht an. Weiter hinten an derselben Wand wird es kleiner. Zwei Tafeln zeigen einzelne Gesichter, eines mit roten Lippen, eines mit heller Mütze vor dunklem Petrol, und wo jemand allein ist, wirkt es, als hätte die Serie nur Passbildgröße übrig.
An der Wand dahinter hängen zwei größere Bilder, auf denen sich Figuren in blauen Badeanzügen übereinanderschichten wie Schwimmerinnen am Beckenrand. Hände liegen auf fremden Schultern, Köpfe an fremden Hälsen, und auf dem einen legt eine fremde Hand der Frau mit dem schwarzen Pagenkopf die Finger an den Mund. Hier sind sich die Körper am nächsten, und die Blicke gehen trotzdem aneinander vorbei.
Brodskis, 1988 in Frankreich geboren, hat an den Beaux-Arts de Paris und am Central Saint Martins in London studiert und 2010 abgeschlossen. Sie lebt und arbeitet in Paris. Gemalt sind enge Freundinnen und Freunde aus ihren Berliner Jahren. Die Galerie beschreibt die Serie als Porträt einer Stadt, erinnert durch die Leute, mit denen man sie geteilt hat, und jedes Bild eher als Bruchstück einer gemeinsamen Erinnerung denn als Abbild einer Person. Was an den Wänden hängt, bestätigt das, und zwar wörtlicher als erwartet. Von der Stadt selbst ist kaum etwas zu sehen, keine Straße, kein Zimmer, nur Farbgründe, Blätter und eine helle Scheibe. Berlin kommt nur über die Leute vor. Die Gruppe hält im Bildaufbau zusammen und sonst nirgends, deshalb geht die Serie als Erinnerung auf und nicht als Freundschaftsbild.
In der Kapelle von St. Agnes zeigt Monira Al Qadiri „The Archaeology of Beasts“. Vergoldete Weizenhalme säumen dort die Wände, und im abgedunkelten Raum stehen zwei schwarz glänzende Figuren, laut Galerie die ägyptischen Götter Khnum und Anubis. Anubis, mit Schakalkopf, hält Stab und Anch.
Der Vault hilft den Bildern. Die Stützen stehen so, dass man nie alle Bilder auf einmal sieht. Vor welchem man auch steht, ein anderes ist verdeckt. Hinten schiebt sich ein Pfeiler halb vor das Porträt eines blonden Mannes im blauen Polohemd, die Hand am Mund. So wiederholt die Hängung, was die Bilder zeigen: Man ist mit allen im selben Raum und sieht doch nie alle.
Rebecca Brodskis: „The Last Ones Awake“. König Galerie, St. Agnes, Kreuzberg, bis 8. November.
Aufnahmen: Florian Jäger, 12. September 2026.
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