Veröffentlicht am
Paweł Książek. Nichts behält seine Kontur
von Florian Jäger

Paweł Książek, „Rhizome“, bei Persons Projects: die Hängung über Eck, vom Haarbild bis zu Flamme und Kerze. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026
Ein Auge, so nah, dass die Wimpern zu dunklen Strichen werden und die Fläche darum zu einer körnigen Textur in Violett und Graubraun. Ein paar Schritte weiter dasselbe Auge noch einmal, klein, in Graphit, in einem schmalen weißen Rahmen. Dann ein Gesichtsfragment in durchgehendem Karmin, etwa so groß wie die Zeichnung, zwei Augen und eine Nase, die Konturen verschwommen. Ein Motiv dreimal, in drei Maßstäben, gemalt und gezeichnet. So beginnt „Rhizome“, die Ausstellung von Paweł Książek bei Persons Projects in der Lindenstraße, seit dem 11. September zu sehen. Verbunden sind die Bilder hier nicht durch ein Thema, sondern durch ein Verhalten der Form.
Der Raum ist ein weißer Kubus mit rohem, unversiegeltem Betonboden, weiß gestrichenen Unterzügen und zwei abgependelten Leuchtstoffröhren als einziger Beleuchtung. Tageslicht gibt es keins. Eine vorgesetzte Stellwand bricht den Blick, sodass man die erste Wand nie vollständig sieht. Hinter ihr hängt eine weitere Zeichnung mit zwei frontalen, eulenhaften Augen, darunter ein Textblock.
Laut Pressetext, der am Tresen auslag, verbindet die Ausstellung Schwarz-Weiß-Zeichnungen aus der Serie „Narrations“ in Graphit, Kohle und Aquarell mit einer Auswahl neuer Gemälde. Der Begriff stammt von Gilles Deleuze und Félix Guattari, die das Rhizom gegen die Hierarchie des Baums gesetzt haben, als Wurzelgeflecht, das in alle Richtungen wächst, ohne Anfang und ohne Endpunkt.
Über die Raumecke hinweg läuft die Hängung im Takt: Großformat, Zeichnung, Ecke, Zeichnung, Großformat, zwei Kleinformate. Links zeigt ein Großformat eine Figur mit langem Lockenhaar von hinten, dazu eine Hand, und ein rotes Gewand füllt die untere linke Bildhälfte. Die beiden querformatigen Zeichnungen hängen links und rechts der Ecke und bilden über die Kante hinweg ein Paar. Beide haben Textblöcke. Links ist eine wellenförmige Textur zu sehen, Wasser oder Sand, rechts eine dunkle, spitz-faserige, die eher an Gras oder Fell erinnert. Rechts beugt sich ein nackter Rücken nach vorn, die Hände im herabfallenden Haar, das unten in eine dunkle Wasserfläche übergeht. Die zwei kleinen Gemälde am Schluss hängen versetzt, für sie gilt die Mittelachse nicht mehr. Das eine zeigt eine Flamme über einem Gegenstand, der wie ein Räuchergefäß aussieht, das andere eine weiße Kerze.
Haar, Flamme, Wasser und Spiegelung widersetzen sich alle einer festen Kontur, man erkennt sie an Bewegung und Licht. Deshalb hängen Haar und Flamme im selben Blickfeld, und der Rhizom-Titel ist weniger Behauptung als Anweisung an das Auge. Statt von links nach rechts einer Geschichte zu folgen, springt man zwischen Verwandtschaften. Das Haar, das beim gebeugten Rücken in Wasser übergeht, führt zu den Wellen der linken Zeichnung, die Flamme zur Kerze, das gemalte Auge zum gezeichneten.
Gut zwei Drittel der Wandfläche bleiben leer. Für diese Ausstellung ist das richtig, weil die Abstände den Blick von Bild zu Bild schicken und ihn nicht beim einzelnen Werk festhalten. Einzeln gesehen kämen Kerze und Flamme dem Stimmungsbild bedenklich nahe. In dieser Kette sind sie Glieder und keine Andachtsbilder.
Paweł Książek: „Rhizome“. Persons Projects, Lindenstraße 35, bis 31. Oktober.
Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.
Impressionen
