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Niu Lai in der Tennis Bar. Die Fensterleiste bleibt an

von Florian Jäger

Niu Lai in der Tennis Bar. Die Fensterleiste bleibt an

Das handgezeichnete Plakat zum Screening: zwei Rinder als Umrisse, „Watch Niu Lai at Tennis Bar“, 20h, FR€€. Plakat: @tennisbarberlin / @topdogbigboy

Bevor der Film beginnt, zeigt die Leinwand eine Behörde. Grüner Grund, das Drachenlogo, darunter 公映许可证 und die Nummer 电审动字(2024)第033号, 国家电影局, China Film Administration: die Vorführlizenz für chinesische Kinos, mitgerippt. Darüber liegt in kleiner Schrift die Fensterleiste mit Niu Lai Full Movie (English Subtitles), am unteren Bildrand die Abspielleiste mit dem Zeitstand. In der Tennis Bar in Neukölln läuft „Niu Lai“ als YouTube-Stream, und für diesen Film ist das keine Notlösung. Bei ihm gehören Scheitern und Erfolg untrennbar zusammen, und an diesem Abend sieht man beides bis in die Projektion hinein.

Die Tennis Bar in der Reuterstraße 95 ist eine Kiezkneipe mit niedriger Decke und dunklen Holzbalken, links neben der Leinwand hängt ein Lametta-Vorhang. Die rote und die grüne Bühnenlampe bleiben die ganze Vorstellung über an, der Laptop steht rechts an der Wand auf einem Flightcase. 20 bis 30 Leute sind da, das ist hier ein voller Laden. Der Abend, Mittwoch, 2. September, 20 Uhr, Eintritt frei, war zwei Tage vorher auf Instagram angekündigt worden, mit einem handgezeichneten Plakat: zwei Rinder als Umrisslinien, eines gelb, eines orange, der Text von Hand. Den Stream hatte die Ankündigung sogar zum Programm gemacht. Durch die Kraft von YouTube und Community wolle man den Kassenschlager gemeinsam ansehen, hieß es. Vor dem Film gibt es eine kurze Ansage.

Der Film hält, was die Screenshots versprechen. Bäume sind texturierte Kugeln auf Stäben, davor ein cyanfarbener Himmel ohne Verlauf. Ein Leopard sieht in die Kamera, gefleckt, mit menschlich geformtem Mund und Augen, die nicht ganz auf derselben Höhe sitzen. Später eine Kuh in Großaufnahme, so nah, dass nur Stirn und Maul ins Bild passen. Die Tiere haben Gesichter und die Bäume keine Äste. Die Landschaft dazwischen sieht aus wie ein Architekturmodell, in das jemand Figuren gestellt hat.

Die Vorführung legt eigene Fehler darüber. Die Untertitel laufen doppelt, chinesisch über englisch, und am unteren Rand sind sie angeschnitten, weil das Seitenverhältnis nicht stimmt. Die Kugelbäume erscheinen in einem Rahmen im Rahmen. Einmal springt das Bild auf ein kleines, leicht verkantetes Rechteck in der Mitte der Leinwand, ein Viertel der Fläche, umgeben von Weiß. Niemand korrigiert das, und niemand lacht darüber lauter als über den Film selbst. Ob ein Fehler aus dem Film stammt oder aus der Vorführung, macht für den Raum an diesem Abend keinen Unterschied.

An diesem Punkt wird der Abend interessant. Xin Yumeng und Sun Lifang, Sohn und Mutter aus Dalian, haben fünf Jahre an dem Film gearbeitet, auf gebrauchten Rechnern, animiert in SketchUp, einem Programm für Architekturmodelle. Sie sind das gesamte Team und sprechen alle Rollen. In den ersten neun Tagen nach dem Start am 5. August verkaufte der Film 236 Tickets und nahm 7.169 Yuan ein, die Kopienzahl fiel von 245 auf vier. Dann kippte der Spott auf den chinesischen Plattformen in Neugier. Kinos malten Plakate von Hand und schrieben darauf, wer auf Bizarres stehe, solle hereinkommen, Geld zurück gebe es nicht. Am Ende waren es 60,27 Millionen Yuan. Das handgezeichnete Plakat der Tennis Bar gehört, gewollt oder nicht, in diese Reihe.

In Neukölln, vier Wochen nach dem chinesischen Kinostart, ist von dieser Geschichte nur das Ende zu sehen, und zwar in der ehrlichsten Form. Es gibt keinen Verleih und keine Kopie, auch keine Leinwandmaske, die das Format kaschiert, nur ein Fenster auf einer Wand, mit Titelzeile und Abspielleiste. Davor ein Publikum, das für die Lücke zwischen Anspruch und Ergebnis kommt und nicht dagegen. Am selben Abend lief derselbe Film in Brooklyn, im Seventh Heaven Bar & Karaoke, ebenfalls gratis und ausverkauft. Für San Francisco suchte jemand auf X noch einen Co-Host. Weitere Termine in der Tennis Bar sind angekündigt, so groß war der Zuspruch.

Einen Einwand räumt der Abend allerdings nicht aus. Zwei Menschen haben fünf Jahre an etwas gebaut, das jetzt in Berlin, in Brooklyn und vielleicht bald in San Francisco für das gefeiert wird, was daran misslungen ist. Die 60,27 Millionen Yuan sind ein Erfolg. Ob es der Erfolg ist, den die beiden wollten, verrät die Abspielleiste nicht.

Das Screening von „Niu Lai“ fand am 2. September 2026 um 20 Uhr in der Tennis Bar statt, Reuterstraße 95, Eintritt frei.

Aufnahmen: Florian Jäger, 2. September 2026.

Impressionen

Die Vorführlizenz der China Film Administration auf der Leinwand in der Tennis Bar
Die Vorführlizenz der China Film Administration auf der Leinwand in der Tennis Bar
Der Leopard aus „Niu Lai“ auf der Leinwand in der Tennis Bar
Der Leopard aus „Niu Lai“ auf der Leinwand in der Tennis Bar
Eine Kuh in Großaufnahme aus „Niu Lai“, rechts die rote Bühnenlampe
Eine Kuh in Großaufnahme aus „Niu Lai“, rechts die rote Bühnenlampe
Der Leopard mit doppelten Untertiteln, chinesisch über englisch, unten angeschnitten
Der Leopard mit doppelten Untertiteln, chinesisch über englisch, unten angeschnitten
Die Tennis Bar in der Totalen, auf der Leinwand die Vorführlizenz, rechts das Flightcase
Die Tennis Bar in der Totalen, auf der Leinwand die Vorführlizenz, rechts das Flightcase
Bäume als texturierte Kugeln vor cyanfarbenem Himmel in „Niu Lai“
Bäume als texturierte Kugeln vor cyanfarbenem Himmel in „Niu Lai“
Die Kugelbäume auf der Leinwand, davor die Silhouetten des Publikums
Die Kugelbäume auf der Leinwand, davor die Silhouetten des Publikums
Das Bild ist auf ein kleines Rechteck in der Mitte der Leinwand gesprungen
Das Bild ist auf ein kleines Rechteck in der Mitte der Leinwand gesprungen