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Izabella Gustowska. Ein Esstisch wird zur Leinwand

von Florian Jäger

Izabella Gustowska. Ein Esstisch wird zur Leinwand

Izabella Gustowska, „Home’s Shadows“, im KVOST: Videoprojektion auf einem ovalen Tisch, dahinter ein Leuchtkasten. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026

Über die Platte eines ovalen, dunkel furnierten Tisches ziehen Fensterkreuze, Geäst und ein Gesicht, überlagerte Archivaufnahmen in Sepia, von oben auf das Holz projiziert. Laut Werkliste dauert das Video 24½ Minuten, und es ist die Installation, die Izabella Gustowskas Ausstellung im KVOST, dem Kunstverein Ost, den Titel gibt: „Home’s Shadows“. Der Ort, an dem eine Familie zusammenkommt, wird zur Leinwand für Bilder aus ihrem eigenen Archiv. Um diese eine Idee ist die Ausstellung gebaut, und wo sie sich an sie hält, ist sie sehr gut.

Die Räume sind farbig gestrichen, vorn graugrün, hinter der Ecke anthrazit, und das fällt als Erstes auf. Das KVOST ist ein Ladenlokal im Erdgeschoss mit hoher Fensterfront zur Straße, draußen parken Autos, und die Wandfarbe schiebt die Straße weg. An der graugrünen Wand hängen drei schlanke, hochovale Objekte, oben und unten spitz zulaufend wie Surfbretter, Schwarzweißfotografien auf gewölbte Leinwand gezogen. Sie zeigen Kinder am Strand, wie aus einem Familienalbum. Auf einem stehen zwei Mädchen im flachen Wasser, das kleinere mit Matrosenmütze. Ein anderes zeigt zwei Kinder in Badehosen am Spülsaum, deren Köpfe im dunklen, oben eingekerbten Rand verschwinden, und eines ein Mädchen allein, die Hände in den Hüften. Laut Werkliste sind es drei Arbeiten „Homes shadows“ von 2026, benannt nach den Abgebildeten: „(Leokadia and Izabella)“, „(Leokadia and Wojciech)“ und „(Izabella)“. Das mittlere Oval mit den zwei Kindern ist „(Leokadia and Wojciech)“, 240 × 80 cm, die beiden anderen messen 239 × 66 cm. Quer durch alle drei läuft blass eine Wasserlinie über die Wand, sodass die getrennten Aufnahmen einen gemeinsamen Horizont bekommen und einen einzigen Strand ergeben.

Um die Ecke wird es dunkel. Dort steht der Tisch, antik, auf zwei Säulenfüßen mit geschwungenen Beinen und Messingkappen, die Platte in der Mitte geteilt, und im Projektorlicht scheint die Maserung durch die Bilder. Daneben leuchtet ein querovaler Kasten kaltblau von innen: sechs Kinder in einer Reihe, die Arme vor sich aufgelegt wie an einem Tisch, doch wo die Tischplatte sein müsste, liegt eine dunkle, wellige Fläche wie Wasser. Es ist der einzige Leuchtkasten auf der Werkliste und gehört laut Grundriss in denselben Raum wie der Tisch: „Dinner Party“, 2026, 88 × 226 cm. Tischrunde und Meer liegen hier in einer einzigen Fläche, und so greift die Strandwand vorn in den Raum mit dem Esstisch hinten.

Das Oval kehrt also dreimal wieder, bei der Tischplatte und beim Leuchtkasten ebenso wie bei den Trägern der Fotoarbeiten. Und die Projektion auf die Tischplatte trifft den Kern. An einem Esstisch sitzt sich eine Familie jeden Tag gegenüber. Diesen hier deckt niemand, und die Schatten aus dem Titel liegen wörtlich auf dem Holz, Geäst wie durch ein Fenster geworfen. Die Kabel dazu sind nicht versteckt, sie laufen sichtbar an der Ecke herab in eine Wandsteckdose, ein Kabelkanal folgt der Sockelkante. Im Halbdunkel stört das ein wenig, denn der Tisch wirkt wie aus einem Wohnhaus geholt, und das Kabel erinnert daran, dass ein Projektor läuft.

Der Kontext stützt diese Lesart. Kuratiert hat Monika Branicka. Saalzettel und Website weisen die Ausstellung, die seit dem 10. September läuft, als Teil der Featured Section der Berlin Art Week aus und verbinden sie mit dem KVOST-Stipendium und dem Claus-Michaletz-Preis 2026, einem Preis der Secco Pontanova Stiftung für Künstlerinnen und Künstler aus Osteuropa. Gustowska, 1948 in Poznań geboren, arbeitet bis heute dort. 1983 und 1987 war sie auf der Biennale in São Paulo, 1988 in Venedig. Für die neuen Arbeiten ist sie nach Angaben des Kunstvereins in das Haus in Poznań zurückgegangen, in dem ihre Familie seit 1938 lebt.

Dreizehn Arbeiten stehen auf dem Saalzettel, gestreut über sechsundvierzig Jahre, die älteste von 1980, die jüngsten von 2026. Zu den frühen gehören „Beyond Myself“ von 1985 bis 1987 und „Relative Similarities“ von 1980. Die zwei grob behauenen Holzpfosten mit montierten Teilformen an der Wand neben der Fensterfront sind laut Werkliste und Grundriss die Holztafeln von „Beyond Myself Ia (Selfportrait – Hands)“, 202 × 56 cm, und „Beyond Myself Ia (Selfportrait – Head)“, 213 × 54 cm, beide von 1985. Neben den Ovalen und dem Tisch halten sie sich zurück, den Ton geben die Arbeiten von 2026 an.

Das ist der Einwand gegen eine sonst genaue Ausstellung. Als Installation der neuen Arbeiten ist „Home’s Shadows“ geschlossen, denn Wandfarbe, Licht und das wiederkehrende Oval führen von der hellen Strandwand in den dunklen Raum mit dem Tisch, vom Sommer ins Haus. Die frühen Arbeiten, die der Saalzettel aufführt, stehen dagegen im Schatten der neuen, und von den sechsundvierzig Jahren ist im Raum wenig zu spüren. Das ist zu verschmerzen, denn der stärkste Satz der Ausstellung braucht keinen Rückblick: ein alter Tisch, auf dem statt Geschirr die Schatten eines Hauses liegen.

Izabella Gustowska: „Home’s Shadows“. KVOST, Leipziger Straße 47, Mittwoch bis Samstag 14 bis 18 Uhr, bis 28. November.

Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.

Impressionen

Izabella Gustowska, „Homes shadows“, 2026, drei Arbeiten an der graugrünen Wand im KVOST
Izabella Gustowska, „Homes shadows“, 2026, drei Arbeiten an der graugrünen Wand im KVOST
Izabella Gustowska, „Home’s Shadows“, Ausstellungsansicht im KVOST mit zwei Holzpfosten und der Fensterfront zur Straße
Izabella Gustowska, „Home’s Shadows“, Ausstellungsansicht im KVOST mit zwei Holzpfosten und der Fensterfront zur Straße