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Close Enough & After Nature Prize. Nähe ist keine Entfernungsangabe
von Florian Jäger

Das Amerika Haus in Berlin-Charlottenburg, seit 2014 Sitz von C/O Berlin. Foto: Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Hannah Price fotografiert Männer, die ihr auf der Straße nachgerufen hatten. Sie sprach sie daraufhin an, und aus der Anmache wurde ein Porträt. So versteht „Close Enough“ („Nah genug“) Nähe: nicht als geringe Entfernung zum Geschehen, sondern als Beziehung, die jemand aus Vertrauen, Komplizenschaft und Verbindung erst herstellen muss.
Fünf Tage vor Ende der Laufzeit liefen bei C/O Berlin drei Ausstellungen unter einem Ticket, gerahmt vom 25-jährigen Bestehen des Hauses. Es begann 2000 im Postfuhramt und sitzt seit 2014 im Amerika Haus. Für „Close Enough“ kamen zwölf Fotografinnen von Magnum Photos zusammen: Olivia Arthur, Myriam Boulos, Sabiha Çimen, Bieke Depoorter, Carolyn Drake, Nanna Heitmann, Susan Meiselas, Cristina de Middel, Hannah Price, Lúa Ribeira, Alessandra Sanguinetti und Newsha Tavakolian. Die Initiative ging von ihnen selbst aus. Charlotte Cotton kuratierte die Ausstellung 2022 am International Center of Photography in New York, zum 75-jährigen Bestehen von Magnum; Boaz Levin hat sie für Berlin adaptiert. Hier traf sie auf das eigene Jubiläum des Hauses, 25 Jahre nach der Magnum-Ausstellung, mit der C/O Berlin im Jahr 2000 eröffnet hatte.
Der Titel zitiert Robert Capa: Wenn die Bilder nicht gut genug seien, sei man nicht nah genug dran. Die Ausstellung übernimmt den Satz und stellt ihn im selben Zug infrage. Eine übergeordnete These gibt es nicht, jede Arbeit behält ihre eigene Sprache. Riskant ist das schon, denn zwölf Handschriften ohne gemeinsame Frage werden leicht zur Leistungsschau. Hier geht es trotzdem auf, weil mehrere Arbeiten auf verschiedene Weise wissen wollen, wer bestimmt, was ein Foto über einen Menschen sagt.
Bieke Depoorter reicht die Frage weiter. Sie bat Menschen, denen sie in Ägypten zufällig begegnete, ihre Sicht auf die Bilder ihres Buchentwurfs zu schreiben, direkt auf die Fotos. Der Kommentar dieser Zufallsbekanntschaften liegt dann buchstäblich über dem Blick der Fotografin. Cristina de Middel sammelt in zehn Städten Zeugnisse von 99 Männern und einer Frau, die Sexarbeit in Anspruch nehmen. Schon das Zahlenverhältnis sagt einiges. Susan Meiselas richtet den Blick auf die Fotografie selbst und verfolgt über Jahrzehnte, wie die Dani im Baliem-Tal in Papua fotografisch dargestellt wurden. Diese Arbeit war in New York noch nicht zu sehen.
Bei Alessandra Sanguinetti und Nanna Heitmann entsteht Nähe über Zeit. Sanguinetti lernte Guille und Belinda 1998 kennen, drei Stunden südlich von Buenos Aires, als die beiden neun waren. Heitmann legt zwei Langzeitprojekte zu Russland auf die beiden Seiten eines Leporellos. Sabiha Çimen dokumentiert in dreißig Aufnahmen eine türkische Koranschule für Mädchen.
Parallel zeigte das Haus die beiden Preisträgerinnen des After Nature . Ulrike Crespo Photography Prize 2025, kuratiert von Katharina Täschner. Der Preis wird seit 2024 gemeinsam mit der Crespo Foundation vergeben. Bewerben kann man sich nicht aus eigenem Antrieb: Ein Gremium nominiert und lädt zur Bewerbung ein.
Lisa Barnard geht in „You Only Look Once“ („Du schaust nur einmal“) von der Echoortung aus und von Thomas Nagels Frage, wie es sei, eine Fledermaus zu sein. Der Titel ist der Name eines realen Objekterkennungs-Algorithmus. Räumlicher Anker ist der Salton Sea in Südkalifornien, im Zweiten Weltkrieg militärisches Testgelände, heute Gegenstand von Lithiumgewinnung und technologischen Heilsversprechen. Fotografien stehen neben einer immersiven Videoinstallation, Eingriffen ins Archiv und KI-gestützten Bildanalysen.
Isadora Romero untersucht in „Notes on How to Build a Forest“ („Notizen, wie man einen Wald baut“) zwei ecuadorianische Nebelwälder in drei Abschnitten, darunter das Biosphärenreservat Chocó Andino de Pichincha. Zu dokumentarischen Aufnahmen kommen Experimente mit Pflanzen und Textilien, Bilder aus Familienarchiven, die die Feuchtigkeit des Waldes verändert hat, und Infrarot- und UV-Aufnahmen als Annäherung an die Wahrnehmung der Waldtiere. Erklärtes Anliegen sind weitergegebenes Wissen, auch das der Yumbo und Jama Coaque, und ein Blick auf den Wald, der ihn weder auf Abholzung noch auf Kohlenstoffspeicher noch auf die westliche Vorstellung unberührter Natur verkürzt.
Die Ausstellungen verband mehr als das gemeinsame Ticket. „Close Enough“ fragt, wie nah ein Mensch einem anderen kommen darf, während Barnard und Romero wissen wollen, wie eine Fledermaus, ein Algorithmus oder die Tiere eines Nebelwalds wahrnehmen. Und ein Haus, das mit Magnum eröffnet hat, feierte sein Vierteljahrhundert ausgerechnet mit einer Ausstellung, die an Capas Satz zweifelt. Man hat schon schlechter Geburtstag gefeiert.
„Close Enough“ und die Ausstellung zum After Nature . Ulrike Crespo Photography Prize 2025 waren bei C/O Berlin im Amerika Haus zu sehen.