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BEL ÉTAGE. Der Kunstbetrieb spottet über sich und packt ein

von Florian Jäger

BEL ÉTAGE. Der Kunstbetrieb spottet über sich und packt ein

Reliefbilder und gegenständliche Malerei im Gang von „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE. Foto: Florian Jäger, 13. September 2026

Ein Narr mit Schellenkappe bläst die Querflöte, an der Hüfte hängt eine Trommel. Der Holzschnitt ist auf eine kleine Leinwand reproduziert und gelb und blau bespritzt, darunter ist in krakeligen Großbuchstaben die Zeile „ATTENTION SPAM“ auf die Leinwand gesetzt. Ein Buchstabe ist vertauscht, und aus der „attention span“, der Aufmerksamkeitsspanne, wird Spam. Der Narr macht den Lärm dazu. Das Bild hing in „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE, einer Ausstellung, die am 13. September schloss, dem letzten Tag der Berlin Art Week. Es sagt über sie mehr als ihr Titel: Am stärksten war sie dort, wo die Kunst den Betrieb verspottet, der sie für drei Tage in eine Halle stellt.

Eine Beletage ist das vornehme erste Obergeschoss eines Stadthauses. Das BACKSPACE ist nichts davon. Eine Galerie ist es auch nicht. Es ist eine Veranstaltungsfläche in einem Gewerbehof: Betonunterführung, Sheddachhalle, gelb-schwarze Anprallschutzmarkierung an der Ecke, Klimageräte an der Fassade gegenüber, über dem Eingang ein Leuchtkasten mit dem Namen. Drinnen weiße Träger, offen verlegte Rohre, zwei graue Lufterhitzer unter dem Dach, Deckenleuchtbänder. Die Ausstellung ist nur auf Zeit hier und versucht nicht, das zu verbergen. Auf dem Plakat am Eingang stehen drei Galerien, Anja Knoess, Leuenroth und Evelyn Drewes, und Arbeiten von Jan Dörre, Tom Freitag, Lennart Grau, Beate Höing, Lara Kaiser, Helena Parada Kim, Achim Riethmann, Kinki Texas und Susanne Wurlitzer, dazu ein Beitrag unter dem Titel LAB mit weiteren Beteiligten. Laut Werkschild stammen die kleinen Aquarelle und die bemalten Glasbilder von Achim Riethmann, vertreten von Evelyn Drewes.

Im Gang hängen unter einem durchlaufenden Fensterband mit Stahlsprossen sechs Bilder in einer Reihe, die Formate zwischen etwa fünfzig Zentimetern und gut anderthalb Metern. Vier sind monochrome Reliefs in Mauve, Graugrün und Graubraun, die Farbe in dicken Schlingen und Wülsten aufgetragen. Zwei sind gegenständlich gemalt, in Rosa, Creme und Blau mit weichen Verläufen: Figuren, deren Gesichter unter einer breiten, glänzenden Farbschlinge verschwinden. In den Reliefs kehrt diese Schlinge wieder, nur ohne Gesicht darunter. Dieselbe Bewegung ist einmal Bild, einmal bloße Spur. Weil die sechs nebeneinander hängen, sieht man, wie wenig vom Porträt übrig bleiben muss, damit die Geste noch hält.

In der Halle stehen auf einem flachen Podest Türme aus Porzellan, bis zu zweieinhalb Meter hoch. Unten bauchige, bemalte Vasen mit Pfauen, Blüten und Schmetterlingen, darüber gestapelt Hähne, ein Eulenkopf mit Flügeln, Hände und Blütenschalen, hochglänzend glasiert in Weißblau, Grün, Rosa, Gelb und Gold. Die Vasen wirken vorgefunden, die Aufsätze darüber von Hand geformt und neu montiert, und die Statik sieht grenzwertig aus. Zierporzellan wird zum Sockel eines Totempfahls, und der Witz funktioniert, weil er sich so hoch hinaus traut. An den Wänden ringsum kleinformatige Malerei, Grafik und Papierarbeiten in Neongrün, Pink und Blau, dazu ein großes, dicht besetztes Bild mit Figuren, Schriftspuren und Bootsmotiven.

In einem Kabinett stehen fünf gleiche Hochsockel. Auf jedem liegt ein Kern aus rohem Beton oder Stein, gerundet wie ein Kopf, und davor sitzen gefächerte, bräunlich getönte, spiegelnde Lamellen wie ein Visier. Man sieht Helme ohne Träger, und die Lamellen holen den ganzen Raum ins Objekt hinein. An der Wand daneben hängt ein Triptychon gerahmter Fotografien in Sepia, Menschen mit erhobenen Armen. Nebeneinander ergibt das ein Paar, die jubelnde Menge an der Wand und daneben Köpfe, die nichts von sich preisgeben. Dazu eine locker gehängte Reihe kleiner Aquarelle mit Figuren auf Stelzen und bemalter Glasbilder von Achim Riethmann, etwa „Festival 5“, 2026, Aquarell auf Papier und lackiertes Glas.

Und dann die Arbeiten, die reden. Ein Textbild mit neonrosa Schrift auf gerastertem Grund behauptet: „Ultimate horror often paralyses memory in a merciful way“, was sinngemäß heißt, dass das äußerste Grauen das Gedächtnis oft auf gnädige Weise lähme. Eine handbeschriftete Leinwand verabschiedet sich mit „SEE YOU LATER, CURATOR“. Und der Narr flötet um eine Aufmerksamkeit, die in der Zeile unter ihm schon zu Spam geworden ist. Das sind Arbeiten mit großer Klappe. Sie treffen, weil die Ausstellung, in der sie hängen, nur drei Tage hat, um gesehen zu werden.

Als Ausstellung ist „BEL ÉTAGE“ eher Musterkoffer als These. Reliefbilder, Porzellantürme und Betonhelme teilen weder Material noch Thema. Verbunden sind sie durch den Ort. Für ein Format, in dem sich drei Galerien einen Ort teilen, ist das kein Vorwurf, aber es bleibt eine Folge guter Einzelmomente. Zusammengehalten wird sie von den Spöttern. Der Ausstellungsbetrieb kommentiert sich hier selbst, in einem Gewerbehof, drei Tage lang, und packt danach wieder ein.

„BEL ÉTAGE“ war nach der Eröffnung am 10. September um 18 Uhr vom 11. bis 13. September im BACKSPACE zu sehen.

Aufnahmen: Florian Jäger, 13. September 2026.

Impressionen

Türme aus bemalten Porzellanvasen auf einem weißen Podest, dahinter Papierarbeiten, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE
Türme aus bemalten Porzellanvasen auf einem weißen Podest, dahinter Papierarbeiten, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE
Fünf Hochsockel mit Betonobjekten und bräunlich getönten, spiegelnden Lamellen, an der Wand ein Triptychon in Sepia, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE
Fünf Hochsockel mit Betonobjekten und bräunlich getönten, spiegelnden Lamellen, an der Wand ein Triptychon in Sepia, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE
Kleine Leinwand mit reproduziertem Holzschnitt eines Narren und der Zeile „ATTENTION SPAM“, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE
Kleine Leinwand mit reproduziertem Holzschnitt eines Narren und der Zeile „ATTENTION SPAM“, „BEL ÉTAGE“ im BACKSPACE